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Skizzen von Spanien

Reisen ist sowohl ein Wechsel der Landschaft als auch der Personen

Skizzen von Spanien

Die Definition von Reisen meint von Natur aus einen Ort: eine andere Geografie, eine Bewegung über diesen oder jenen Breitengrad. Aber Reisen bedeutet ebenso einen Wechsel der Personen, nicht nur der Umgebung.

Foto von NASA Goddard Raumfahrtzentrum

Was folgt ist ein kurzer Blick auf die Wirkung, die Personen auf mich hatten, während ich in Spanien lebte, reiste und gelegentlich Englisch unterrichtete.

 

Grenzbeamter

Foto von Noborder Network

Er ist ganz und gar in marineblau gekleidet, von der Militärkappe bis zur Taille, die unter dem Passhäuschen vor mir unsichtbar ist. Er sieht nicht einmal von den Papieren auf, hebt nicht einmal den Blick, außer um mein Dokument zu inspizieren. An ihn und diesen Moment habe ich in den letzten vier Stunden gedacht. Was wird er mich fragen. Werde ich ihn verstehen. Was wird geschehen, wenn nicht.

Foto von Ian Mackenzie

Er spricht nicht, er nickt nur. Ich gehe weiter, untersuche den Pass. Er hat ihn nicht gestempelt.

 

Carmen

Foto von  Africa Mayi Reyes

Sie hatte mich, oder jemanden wie mich, seit Monaten erwartet. Sie lebt von ihrem Einkommen als Massage-Therapeutin und als Gastgeberin eifriger Ausländer, die vorübergehend eine Unterkunft brauchen. Wir treffen uns in der Hotel-Lobby. Sie sieht aus wie 37, ist groß, mit karamellfarbener Haut, rabenschwarzem Haar, grünen Augen, die direkt in dich hinein-, aber dich nicht ansehen.

Foto von Jacobo Canady

Von ihrer Wohnung aus überblickt man den Fluss, etwa 50 m von einer Brücke entfernt, die ich über 100 Mal fotografieren werde. Einen Monat verbringe ich in einem etwa 5 Quadratmeter großen Schlafzimmer in ihrer Wohnung, auf der gegenüberliegenden Flurseite des Zimmers ihres achtjährigen Sohnes, der inzwischen 11 oder 12 sein muss, und zahllose Fremde gesehen hat, die in diesem Zimmer schliefen.

 

Jose Maria

Foto von Fran Villena

Jose Maria ist der Störenfried einer meiner Klassen bei I.E.S. Mediterraneo – die Siebtklässler – und dennoch einer der ernsthaftesten Mitarbeiter. Er gelt sein Haar jeden Tag, außer an dem Tag, an dem er mit einem blauen Auge, das er sich von seinem Vater eingefangen hat, erscheint. Dann liegt es flach an. Er erzählt mir, was geschehen ist, seine Stimme leise und ängstlich, aber in besserem Englisch als je zuvor. Dann wird er abgelenkt, macht einen lauten Witz über den Schüler neben ihm.

Foto von Jose Rambaud

La Linea de la Concepcion – oder häufiger nur La Linea, was „die Linie“ bedeutet – ist der letzte Stopp in Spanien auf dem Weg nach Gibraltar, wo ich Englisch unterrichten werde (oder dabei assistiere). Es ist naturgemäß eine Grenzstadt und die gesamte Identität dieses Ortes, und vielleicht wiederum ihrer Einwohner, basiert darauf, eine mittlere Zone, ein grauer Bereich vermischter Kulturen zu sein.

 

Anouar

Foto von Gianni Cumbo

Anouar ist ein marokkanischer, halbprofessioneller Bodyboarder, der eine der beliebtesten Bars in La Linea führt. Er spricht Englisch, Spanisch, Französisch und Arabisch – alle perfekt, soweit ich es beurteilen kann. Er sieht wie ein Mann aus einem Film aus, der in Zeitlupe aus einem Pool steigt, mit dem einzigen Ziel, die Frau, die du liebst, aus deinem Leben zu stehlen: Groß, lange Arme, ein kräftiger Hals, die Natur hat es gut mit ihm gemeint und mit einem gleichmäßigen Pinselstrich gut verteilt.

Foto von Antonio

Er lebt in einer baufälligen Wohnung. Er fährt einen miserablen weißen Van, der mit Türfarbe neu gestrichen wurde. Er ist vermutlich die freundlichste Person, die ich jemals kennen werde.

 

Rafa

Foto von Jesus Solana

Rafa ist der Sohn unserer Vermieter, zwei der Reichsten in La Linea, und das Bindeglied zwischen uns, durch das alle Informationen laufen. Er ist 19, schlank mit jugendlichen Muskeln. Seine Wesensart nötigt jedem von Natur aus Respekt ab, außer der Person, mit der er spricht, da er das Gewicht dessen, was ihm gesagt wird, absorbiert anstatt es für seine eigene Formulierung umzulenken.

Foto von Jose Antonio Cartelle

Als wir einzogen, fand ich diesen alten, längst abgelaufenen Pass in der Schublade, in die wir alle unsere Schecks mit der Miete legten. Er war auf dem Bild nicht älter als drei. Wozu braucht ein Dreijähriger einen Pass?

 

Encarni

Foto von jsayer

Encarni ist die Frau einer meiner Lehrer (die mich, um klar zu sein, nicht unterrichten, sondern denen ich assistiere). Sie bat mich, ihr mit ihrem Englisch zu helfen, aber ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich keine Ahnung habe, warum. Sie geht auf die 40 zu, sieht aber vielleicht wie 32 aus, mit langen, rötlich-braunen Haaren und fehlendem Selbstvertrauen, das sie noch jünger wirken lässt. Ihre Familie stammt aus Ronda, wohin sie in jedem Frühjahr zurückkehrt, um beim Schlachten der Schweine zu helfen.

Foto von Africa Mayi Reyes

Eines Tages bat ich sie, mir das Fahren mit Gangschaltung beizubringen. Sie war einverstanden. Wir suchten uns einen leeren Parkplatz. Ich versagte mehrere Male phänomenal.

 

Der argentinische Grillmeister

Foto von Jonathan Willier

Jede Nacht ist er der Herr des Grills; schmales Gesicht, das durch seine Unterarme kleiner erscheint; einer, der nie weit vom Messer entfernt ist. Er bereitet das beste Stück Fleisch zu, das ich je konsumieren werde, immer zuvor in kleine Würfel geschnitten. Meine Mutter hat das auch immer so gemacht.

Foto von Andres Nieto Porras

Er ist so ruhig, dass man sich fast eingeschüchtert fühlt. Es scheint merkwürdig, dass jemand, der einem etwas so Nachhaltiges, den Tag Veränderndes gibt, mit so wenig Emotionen lebt.

 

Mar

Foto von David Figuera

Mar wünscht sich immer, dass sie in Sevilla wäre. New York, Berlin oder Paris, sicher. Aber sie ist vernünftig. Sie hasst diese Stadt – ihre reduzierte Lebenserfahrung, die fehlende Neugier, die Vorhersehbarkeit.

Foto von Julian Lobo Millan

Diese Stadt, die letzte Erdklippe, die sich von Iberia ins Mittelmeer erstreckt und Gibraltar küsst; wo zwei Kontinente und drei Länder näher beieinander liegen als Haus und Highschool meiner Kindheit; ein schmaler Streifen Zivilisation, der immer enger von der See zusammengepresst wird.




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Jason Wire

Jason Wire schloss 2010 sein Universitätsstudium an der Vanderbilt University ab und verbrachte das anschließende Jahr damit, zu schreiben und in Spanien Englisch zu unterrichten. Seitdem ist er als Redakteur für das Matador Network tätig und schreibt gegenwärtig für Urban Daddy. Er lebt in Manhattan.
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